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Habt Respekt! Ein Plädoyer zum Weltkindertag

Am 20.9. war Weltkindertag. In Nordrhein-Westfalen und auch anderswo durften Kinder daher einen Tag lang kostenlos Bus und Bahn fahren. Eine nette Geste, doch schaut man auf die Alltagsprobleme von Kindern und Jugendlichen, wirkt sie beinahe peinlich. Wer wirklich etwas für sie tun will, muss an die großen Themen ran - mit Respekt!

Schulen

Ein Blick auf den baulichen Zustand unzähliger Schulen zeigt, wie wenig die Belange von Kindern in der Vergangenheit von Interesse waren. Dass Dächer undicht, Turnhallen einsturzgefährdet und Toiletten nicht benutzbar sind, ist nicht nur eine Frage der Sicherheit und der Hygiene. Es ist auch eine Frage des Respekts. Erwachsene fordern von Kindern ein, sich respektvoll zu verhalten und das Eigentum und die Bedürfnisse anderer zu respektieren. In jedem Klassenzimmer hängen mittlerweile diese oder ähnlich lautende Regeln. Alles gut und richtig. Aber wie respektvoll ist es eigentlich gegenüber Kindern, die eine Schulpflicht zu erfüllen haben, die Schulgebäude auf diese Art und Weise herunterkommen zu lassen? Wenn Minister*innen ihr Arbeitsplatz nicht gefällt, können sie problemlos woanders unterkommen. Kinder können dies nicht, sie sind machtlos. 

Mobilität

Auch das große Thema Mobilität trifft Kinder in besonderer Weise. Wenn der letzte Bus um 17 Uhr fährt (oder überhaupt kein Bus fährt), nimmt man Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit echter kultureller Teilhabe, ganz zu schweigen vom Klimaschutz-Argument: Denn fährt kein Bus, sind Jugendliche auf dem Land auf das Auto ihrer Eltern angewiesen. Kurzum: Die Politik sollte aufhören, ständig immer nur mit wirtschaftlichen Gründen gegen spürbare Verbesserungen für die Menschen zu argumentieren. Barrierefreier öffentlicher Nahverkehr ist ein öffentliches Gut, das keinen Gewinn erzielen, sondern Menschen einen gelingenden Alltag ermöglichen soll - selbst wenn der Bus ab und zu mal leer bleibt. Dass Kindern und Jugendlichen nicht nur am Weltkindertag, sondern generell freie Fahrt eingeräumt wird, ist überfällig.

Inklusion

Kinder, die von klein auf inklusive Bildungseinrichtungen besuchen, verstehen oft nicht, warum man so ein großes Thema daraus macht. Es ist das von Erwachsenen erdachte und konzipierte Bildungssystem, das inklusive Bildung erschwert. Doch im Gegensatz zu Kindern, die in der Regel ziemlich schnell verstehen, worauf es ankommt, z.B. Empathie und Verständnis im Umgang miteinander, verteidigen konservative Bildungspolitiker*innen immer noch die antiquierten Lehr- und Lernformate, die in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt haben, dass in kaum einem anderen OECD-Land so vorhersagbar ist, welchen Schulabschluss Kinder erzielen werden - aufgrund des Abschlusses der Eltern. Und: Es ist eine Frage des Respekts, des Anstands und der Höflichkeit, allen Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam unterrichtet zu werden. Menschen im wahrsten Sinne des Wortes an den Stadtrand zu drängen, weil sie nicht so funktionieren, wie Schule oder andere Institutionen es wünschen, ist entwürdigend und respektlos. Ach ja, und während Jugendliche von den Erwachsenen dafür gelobt werden (zumindest von den meisten), an Freitagen für eine gute Zukunft auf die Straße zu gehen, bleibt die Frage des Wahlrechts ab 16 auf Bundesebene unangetastet. Politisch aktiv zu sein ist also okay, echte politische Teilhabe aber nicht?

Geld

Niemand leidet so sehr unter den Hartz IV-Regelsätzen wie Kinder und Jugendliche. Nicht nur, dass der Regelsatz deutlich zu niedrig ist - kulturelle Teilhabe ist z.B. ohne entwürdigende Beantragungsprozeduren kaum möglich. Auch der soziale Druck ist oft immens, wenn die anderen Jugendlichen erfahren, dass die eigenen Eltern nicht genug verdienen oder arbeitslos sind. Und: Jugendliche, deren Eltern Hartz IV beziehen, dürfen im Monat immer noch nur 100 € ihres Nebenjob-Verdienstes ohne Abzüge behalten. Von jedem zusätzlichen Euro gehen 80 Cent an das Jobcenter. Während sich also der reiche Teil des Landes darüber aufregt, dass über eine Vermögenssteuer nachgedacht wird, "besteuert" man das Arbeitseinkommen von Jugendlichen aus armen Familien völlig schamlos mit einem Satz von 80%. Gleiches gilt übrigens für das erarbeitete Geld von Jugendlichen, die in Heimen oder Pflegefamilien leben. 

Kein Weltkindertag, dafür ehrlicher Respekt

Es ist sind jedes Jahr die gleichen Phrasen, die zahlreiche Offizielle wieder immer wieder präsentieren: "Kinder sind unsere Zukunft!", "Kinder sind das Wertvollste, das wir haben!", "Wir haben uns die Erde nur von unseren Kindern geliehen."

Aber vielleicht ja auch nicht; vielleicht sagt ja jemand einfach mal:"Entschuldigung, dass wir uns nicht für Eure Belange interessiert haben. Als Zeichen dafür, dass wir es ernst meinen, schaffen wir den Weltkindertag ab und liefern ab sofort etwas Substanzielles."

 

 

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