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Menschengemachte Unwahrheiten

13.06.2019

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Ist die Geschichte der Menschheit immer auch eine Geschichte von Verschwörungen und Fake News?[i] Sind Dystopien einfache, gängige und willkommene Verlautbarungen, weil Wahrheiten immer kompliziert, schwierig und differenziert verstanden werden müssen? Weil Vergangenheitsbewusstsein, Gegenwartskompetenz und Zukunftsperspektiven das starke Denken notwendig machen?[ii]. Weil kritisches Denken weder vom Himmel fällt, noch in den Genen liegt, sondern mühsam und ständig neu erworben werden muss?[iii] Weil das allmähliche Verfestigen der Gedanken beim Sprechen Disziplin und Intellekt erfordert?[iv] . Weil die „Vorstellung einer unerbittlichen Wiederkehr des ewig Gleichen“ uns zu Verirrungen führt?[v]- Weil Illusionen und Chimären angenehme Trugbilder hervorrufen?[vi]. Weil individuelle und kollektive Verantwortung gefordert ist[vii]...

Der Mensch ist empörend unmenschlich

Dieses Erstaunen befällt Menschen immer wieder, wenn sie sich auf ihre (eigentlichen) Fähigkeiten besinnen, dass der anthrôpos ein mit Vernunft ausgestattetes, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes und ein gutes, gelingendes Dasein anzustrebendes Lebewesen ist[viii].Wie kann es sein, dass der Mensch zu egoistischem, ethnozentrischem, rassistischem und populistischem, also menschenurwürdigem Denken und Handeln neigt? Wieso kann aus einem friedfertigen, sozialen Menschen ein Unmensch werden, der nicht liebt, sondern hasst?[ix]. Der Macht über andere Menschen ausübt?[x]. Der Informationen und Meinungen manipuliert?[xi]. Warum ist es so schwierig und scheinbar unabwendbar, dass der Mensch als zôon politikon so oft die Conditio Humana als Grundlage seines Menschseins vergisst und missachtet?

Freilich: Klagen und Bedauern allein hilft nicht! Es kommt darauf an zu erkennen, dass der Mensch als „Mängelwesen“ (Plessner) eingebunden ist in die Unbestimmtheiten seiner Existenz, die sowohl Selbsterkenntnis und Selbstwerdung, als auch Fremdbestimmung beinhaltet. Als „verletzbares Subjekt“ kommt es in der anthropologischen und ontologischen Wirklichkeit darauf an, in Bildungs- und Lernprozessen Bewusstsein und Handlungskompetenzen zu erwerben und unser „Verwiesensein auf Andere, unser Ausgesetzt-Sein Anderen gegenüber und damit unsere Verletzbarkeit nicht aus dem Blick zu verlieren[xii].

„Verschwörungstheorien sind lokal und universal“

Es sind mythologische, politische, religiöse, esoterische oder geheimnisvolle Deutungsmuster, die den Anspruch erheben, Wirklichkeiten zu durchschauen und verborgene oder unterdrückte Wahrheiten ans Licht zu bringen. Verschwörungstheoretikern ist dabei jedes Mittel recht: Manipulatives, Ideologisches, Fanatisches, Propagandistisches, Paranoides, Vorurteilhaftes und Falsches. Eingefangen werden damit die Leichtgläubigen, die Unzufriedenen und die „Wutbürger“ als neue Form der öffentlichen, lautstarken Artikulation. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben in der „Dialektik der Aufklärung“ (1944) Verschwörungstheorien als „paranoide Bewusstseinsformen“ gekennzeichnet, die zur Entstehung von Bünden, Fronden und Rackets führen: „Die Mitglieder haben Angst davor, ihren Wahnsinn allein zu glauben“[xiii]. Kennzeichnend für Verschwörungstheoretiker ist, dass sie von einem Menschenbild ausgehen, das  auf der Macht der Mächtigen, dem Wissen der Wissenden, auf der Ohnmacht der Massen und dem Bewusstsein beruht, im Besitz der einzig richtigen Wahrheit zu befinden. Was ist dagegen zu unternehmen? Aufklärung und Erwerb von Kompetenzen wie „social literacy“, „media literacy“ und „historical literacy“. Der Tübinger Literaturwissenschaftler Michael Butter forscht zusammen mit rund 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 39 Ländern über die Gründe und Wirkungen von Verschwörungstheorien und wie ihnen beizukommen ist[xiv].

Fazit

Die Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien erfordet den aufgeklärten, politisch und human denkenden und handelnden Menschen[xv]. Sie macht die kritische Beschäftigung mit den virtuellen, den so genannten „Sozialen Medien“ notwendig[xvi]. Und es braucht ein engagiertes, aktives Eintreten für Demokratie, offene Gesellschaft und  Menschenrechte[xvii]. Es gilt, die Fake-Welt zu verhindern und ein Human-Universum zu schaffen[xviii]. Gegen zerstörerisches, fatalistisches und pessimistisches Denken und Tun braucht es Optimismus, Innovation und Menschenwürde[xix]. Es gibt genug Mutmacher gegen Fake-Newser, -Follower und Miesmacher; ihnen zuzuhören und zuzustimmen lohnt[xx].



[i] Marius Raab / Claus-Christian Carbon / Claudia Muth, Am Anfang war die Verschwörungstheorie, Berlin 2015,  292 S.

[ii] Rolf Arnold, Ach, die Fakten. Wider den Aufstand des schwachen Denkens, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23890.php 

[iii] Helmut Ortner, Widerstand ist zwecklos. Aber sinnvoll, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16349.php

[iv] Hans-Peter Waldhoff / Christine Morgenroth / Angela Moré / Michael Kopel, Hg., Wo denken wir hin? Lebensthemen, Zivilisationsprozesse, demokratische Verantwortung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19997.php

[v] Bettina Stangneth, Hässliches Sehen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25303.php

[vi] Vitaly Malkin, Gefährliche Illusionen. Denke! Für die Vernunft in unvernünftigen Zeiten, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24924.php 

[vii] Alexander Birken, Hrsg., ZukunftsWerte. Verantwortung für die Welt von Morgen,, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24175.php

[viii] Ottfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 47ff

[ix] Carolin Emcke, Gegen den Hass, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21832.php

[x] Ingo Elbe / Sven Ellmers / Jan Eufinger, Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13528.php 

[xi] Tali Sharot, Diem Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php 

[xii] Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php

[xiii] Marius Raab / Claus-Christian Carbon / Claudia Muth, Am Anfang war die Verschwörungstheorie, Berlin 2017, 292 S.

[xiv] Michael Butter, „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Berlin 2018

[xv] Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen! In: Pädagogische Rundschau (PR), 3/2018, S. 363 - 373

[xvi] Ingrid Brodnig, Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23719.php

[xvii] Stefan Brunnhuber, Die offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25426.php

[xviii] Matthias Herdegen, Der Kampf um die Weltordnung. Eine strategische Betrachtung, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25616.php

[xix] Wolf Lotter, Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25046.php 

[xx] Heribert Prantl, Vom großen und kleinen Widerstand. Gedanken zu Zeit und Unzeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25281.php; Elisabeth von Thadden, Die berührungslose Gesellschaft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25766.php; Silke Helfrich / David Bollier, frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/...php

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Heidrun Kiessl: Systemische Ansätze in der Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 170 Seiten. ISBN 978-3-17-033064-1.
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