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Und weiter geht’s im Notbetrieb

Ich plane nicht mehr. Ich denke und lebe nur noch von Tag zu Tag. Das mag eine Überlebensstrategie sein, die funktioniert, wenn das Leben sowieso schon ganz gut aufgeräumt ist und ich komme damit zurecht. Außerdem war ich schon immer so eine, die aus der Situation heraus agiert und nicht langfristig plant. „Du machst alles richtig, die Zukunft wird sowieso jeden Tag kürzer“ sagt meine 80-jährige Tante und: „Pass gut auf dich auf!“ In ihrem Bekanntenkreis gab es den ersten Todesfall im Zusammenhang mit Corona.

Ja, ich passe auf, so gut es geht. In den Öffentlichen trage ich FFP2. Die sitzen sehr eng und reden kann ich damit nicht gut. Bei den Hausbesuchen trage ich deshalb lieber die Alltagsmasken und von den Familien verlange ich das inzwischen auch. Da habe ich die Rückendeckung der Leitung, die eine Handreichung für ambulante Hilfen in der Pandemie erstellt hat. Allerdings scheinen andere Standards inzwischen nicht mehr zu gelten. Wir nehmen zum Beispiel Anfragen an und beginnen mit der Arbeit, ohne dass eine Hilfekonferenz stattgefunden hat und oft fehlen uns wichtige Informationen. Die Teamleitung gibt uns die Kontaktdaten der Familie und eine kurze Problembeschreibung. Manchmal ist als Auftrag formuliert, dass wir Ziele für die Familienhilfe erarbeiten sollen. Ich habe so eine Anfrage übernommen, obwohl ich eigentlich gar keine Kapazitäten mehr habe aber die Kollegin, die eigentlich übernehmen sollte, ist krank. Sie kämpft mit Covid und ich hoffe, dass sie bald wieder richtig gesund ist. 

„Kein Problem“, sagt Frau N, als ich sie vor dem Erstkontakt auf die Maskenregelung hinweise und mit einem Spaziergang ist sie auch einverstanden. Aber sie mag keine Ziele. „Das klingt anstrengend und nach viel Arbeit“, sagt sie und „jetzt, wo jeden Tag sowieso alles anders sein kann, holt man sich mit Zielen nur unnötig Frust ab“. Da hat sie nicht unrecht, wie ich finde und mit der Frage nach Wünschen für das neue Jahr komme ich wesentlich besser bei ihr an. Sie wünscht sich: „dass ich mich mit Phil besser verstehe und wir weniger streiten“. Ich erfahre, dass ihr 12-jähriger in der K J gewesen ist, der psychiatrischen Abteilung der Kinder- und Jugendklinik. Acht Wochen war er dort, wegen seiner Albträume, in denen er von einer Überschwemmung mitgerissen wurde und sich nirgends festhalten konnte und weil er seine Mutter angegriffen hat. Der Angriff war real. Eigentlich hatte Frau N ihren Sohn nur beruhigen wollen, als sie erklärte „das kann doch hier nicht passieren, wir leben ja gar nicht am Meer, hier kommt kein Tsunami“. Aber Phil ist total ausgerastet. Entlassen wurde der Junge im November und mit mehreren Diagnosen. An eine Behandlungsempfehlung kann sich Frau N nicht erinnern. Sie hat die Entlassungspapiere „irgendwo“ und will sie zum nächsten Termin heraussuchen. „Er sitzt Tag und Nacht vor seinem Computer und wenn ich den Stecker ziehe, rastet er aus“. Ich könne aber gern versuchen, ihn anzusprechen.

„Meine Depression will ich loswerden“, sagt Phil. „Ich habe eine depressive Episode oder sowas, haben sie in der Klinik gesagt“. Wir unterhalten uns im Flur, auf Abstand und ohne Maske. Sein Gesichtsausdruck ist ganz starr und geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Mir wird klar, dass ich die Zunahme der Depressionserkrankungen zwar zur Kenntnis genommen, dabei aber nur an Erwachsene gedacht habe. Dabei sind doch Kinder und Jugendliche in ihrer psychischen Entwicklung besonders gefährdet, wenn individuelle Entwicklungskrisen, die familiäre Krise (die zu unserem Einsatz geführt hat), die Coronakrise und die Klimakrise (wovon auch wir Fachkräfte betroffen sind), zusammentreffen. Dazu kommt, dass die wenigsten Erwachsenen im Moment die Sicherheit und Stabilität vermitteln können, die Kinder brauchen.

Ich frage mich, ob die sozialpädagogische Familienhilfe, mit mir als Fachkraft, das richtige ist, wenn ein 12-jähriger seine Depression loswerden möchte. Und wieso nehme ich eigentlich einen Fall an, wenn ich „eigentlich“ keine Kapazitäten mehr habe? „Pass gut auf dich auf!“ höre ich meine Tante sagen und ich schreibe die fünf Worte in meinen neuen Terminkalender, in die oberste Zeile, bei Wochenüberblick, zunächst mal über jede der vier Wochen im Januar.

Ihre Katja Änderlich

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Rudolf von Bracken: Kinderrechte. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 173 Seiten. ISBN 978-3-17-037950-3.
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